Born & Raised: Ich bin ein Berliner!

Born & Raised: Ich bin ein Berliner!

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Ich bin in Berlin geboren und aufgewachsen und noch immer fasziniert mich diese Stadt...

Noch immer entdecke ich Neues und jeder Kiez in dem ich bisher gelebt habe, beherbergt ein ganz eigenes Lebensgefühl. Und davon gibt es gefühlt so viele in Berlin, wie hier Menschen leben! Was für eine Stadt muss das sein, in der ich seit 30 Jahren lebe, bereits 13 mal umgezogen bin und mir noch immer manche Bezirke komplett fremd sind. Aufgewachsen in ofenbeheizten Mietskasernen in Prenzlauer Berg kurz nach dem Mauerfall, erinnere ich mich an eine freie, abenteuerreiche Kindheit. Wie sehr hat sich die Stadt seitdem verändert? Alles nur Nostalgie-Gerede oder der krasseste Wandel einer Metropole der westlichen Hemisphere? 

Aber fangen wir erstmal von vorn an: Ich habe außer einigen Monaten, eigentlich immer in Berlin gelebt. Es sind die Menschen, die ich jetzt kennenlerne, die meistens von woanders herkommen, die mich fragen und immer wieder daran erinnern, wie sehr sich Berlin verändert hat. Ich gehöre wohl zu genau der Generation an gebürtigen Berlinern, die den Wandel am stärksten spürt. Ich bin 1987 in Friedrichshain geboren (damals war das noch Ostberlin, DDR) und in Prenzlauer Berg, ganz nah am Grenzübergang Bornholmer Straße, im Skandinavischen Viertel, aufgewachsen und in der 19.Grundschule (existiert heute nicht mehr), zur Schule gegangen.

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1987 auf Mamas

 

Arm in Ostberlin.

 

Mit gerade mal 21 Jahren schon 'Spätgebärende' in der DDR. 

Ich erinnere mich daran, wie ich mit fünf Jahren immer vom dritten Stock das Treppengeländer runtergerutscht bin, um meinen besten Freund Heinrich aus dem ersten Stock abzuholen und mit ihm durch die Hinterhöfe gestreift bin und allen möglichen Blödsinn getan habe, der uns einfiel. Obwohl ich in der Stadt aufgewachsen bin, war ich oft draußen und habe eben anstatt auf Wiesen und Pferdekoppeln Zeit in den Straßen von Prenzlauer Berg verbracht. Mit Heinrich ging ich immer auf Entdeckungstour - wir schnitten uns Löcher in die Zäune der Hinterhöfe, um Abkürzungen zu den Parallelstraßen zu bauen. Wir haben Mülltonnen nach Elektrogeräten und Schrott durchsucht, in der Hoffnung etwas Brauchbares zu finden, und daran herumzuschrauben. Wir wollten Erfinder werden und Entdecker. Wir haben uns vor der Polizei versteckt und haben unsere Nachbarschaft mit Klingelstreichen genervt. Unser Lieblingsstreich (Achtung eklig): Den Leuten aus dem Ergeschoss Hundescheiße auf die Fußmatte legen und an der Tür klingeln (ja da bin ich bis heute mächtig stolz drauf). Uns fiel immer was ein, wie wir den Tag draußen verbringen konnten, egal ob die Sonne schien, es regnete oder schon der Schnee fiel. Eine weitere Sache die wir liebten: In Baustellen reinsteigen. Auch auf Häusergerüste sind wir geklettert und runtergesprungen, obwohl streng verboten und im Winter besonders gefährlich. Damals war es ziemlich easy sich zu allen möglichen Orten Zugang zu verschaffen. Für uns war das ein Traum von Spielplatz! Wir sind auf Hausdächer rauf und haben den Ausblick genossen! Also das, was später alle mit Zigarette und Bier gemacht haben. 

Die neue Freundin meines Vaters, heute Stiefmama, arbeitete damals neben ihrem Studium in der ältesten Bäckerei Berlins "Bäckerei Siebert", in der Schönfließer Straße 12. Den Geruch von frisch (!) gebackenen Schrippen am Wochenende werde ich nie vergessen! Heinrich und ich hatten quasi Gästeliste und sind immer an der ganzen Schlange vorbei und haben jeder eine ofenfrische Schrippe auf die Hand bekommen - umsonst. Eine Schrippe hat damals Mitte der Neunziger ca. 10cent gekostet. Das war kein Fertigteig, oder harte "Westbrötchen" die nur aufgebacken wurden. Das waren echte, handgemachte Brötchen, ohne Geschmacksverstärker. Die haben noch gedampft, wenn man sie gleich gegessen hat. Im Winter brauchte man keine Handschuhe wenn man die nach Hause getragen hat.

 Quelle: http://www.baeckerei-siebert.de/

Quelle: http://www.baeckerei-siebert.de/

Es ist genau dieses unschuldige, junge Berlin, was sich damals langsam von all den Strapazen erholte und nie geahnt hätte dass sich die ganze Welt in weniger als 20 Jahren in ihr versammeln wird und welches ich in mir trage und oft versuche anderen Menschen näher zu bringen, die sich nicht vorstellen können, dass eine 2-Zimmerwohnung in Prenzlauer Berg mal 50€ warm (ja!) gekostet hat Anfang der Neunziger. Metropole war Berlin damals noch nicht...

Damals Anfang und Mitte der Neunziger Jahre, gab es im Prenzlauer Berg so gut wie keine Cafés - das kann man sich heute garnicht mehr vorstellen. Die Häuser wurden erst langsam erneuert und angestrichen. Bis dahin gab es noch Einschusslöcher in den Fassaden der Altbauten. Leise Spuren des zweiten Weltkriegs, die in 50 Jahren Zeugen dreier Staatssysteme waren. Prenzlauer Berg war ein Arbeiterbezirk. Und doch war es war nichts Besonderes in einer großzügigen 3- oder 4- Zimmerwohnung zu leben. Wohnungen zu mehr als fairen Preisen gab es genug. Wohngemeinschaften brauchte es nicht. Bis Anfang der Neunziger mussten die Mieter im Winter noch selbst mit Kohle heizen. Das hieß dann immer mit Mama runter in den Keller und die Kohlen hochtragen bis in den 3.Stock. BVG gab es erst ab 1994, da war ich schon in der zweiten Klasse. Bis dahin galt noch das Verkehrsnetz aus Ostberlin in Prenzl'berg. Berlin (Ostberlin) war vor 25 Jahren noch recht provinziell, im Vergleich zu heute. Eine Wandlung, die in so kurzer Zeit keine andere Stadt im modernen Westen durchgemacht hat...

In den folgenden Videos könnt ihr gut erkennen wie grau es in dem Bezirk noch war - und das war auch noch nach dem Mauerfall bis in die Mitter der Neunziger Jahre hinein der Fall. Ich kann mich sehr gut an diese Zeit erinnern, und daran wie wir auf Entdeckungstour durch leerstehende Häuser gegangen sind. Ihr wundert euch vielleicht, wieso ich mit vier oder fünf Jahren in Berlin schon allein in den Straßen unterwegs war. Doch wie ihr sehen könnt, waren die Straßen leer. Es waren einfach kaum Menschen unterwegs. Berlin war damals ein Dorf für mich. Der Kiez ruhigund ungefährlich. Touristen gab es so gut wie keine. All diese Menschen, waren damals nicht da - und die Berliner brauchten erstmal ein paar Jahre um sprichwörtlich zusammenzuwachsen. Alles stellte sich erst Stück für Stück um. Ostberliner Supermärkte, sogenannte "Konsum"-Geschäfte wurden nach und nach geschlossen, die Westmark hielt Einzug in die berliner Ostbezirke. Dann wurden irgendwann auch endlich die Häuser saniert. Heizungssysteme integriert, die Fassaden erneuert. Dass Prenzlauer Berg mal zum ruhigen, noblen Bezirk aufsteigt hätte wohl niemand erwartet...

Das nächste Video dokumentiert den Arbeitsalltag einer Berliner Feuerwehr Anfang/Mitte der Neunziger Jahre - also Jahre nach der Wiedervereinigung. Die Dokureihe zeigt wunderbar auf, wie die Zustände damals noch in Prenzlauer Berg waren. Hippe Interior Stores, teure Cafés und Eigentumswohnungen schienen hier noch Lichtjahre entfernt. Gleich zu Beginn der Doku wird Prenzlauer Berg mit seinen "Mietskasernen aus Kaiser´s Zeiten und seinen lichtlosen Hinterhöfen, Ofenheizungen und uralten Gasleitungen" vorgestellt und dass es hier mehr Einsätze und Probleme als andernorts gibt. Prenzlauer Berg, damals noch absoluter Problembezirk in den 1990er Jahren. Dass hier einmal der Wohnungsmarkt vor allem von aus Westdeutschland stammenden Schwaben hart umkämpft sein wird, hätte man damals wohl schlicht für eine Utopie gehalten...

Und was wurde und wird nicht noch immer gebaut in Berlin! Es gibt nahezu kein Foto aus meiner Kindheit, wo die Architektur, geschweige denn der Ort noch derselbe ist. Mit Wandel wächst man in Berlin auf. Nichts bleibt wie es ist. Wie man auch auf den Bildern sehen kann, ist dort eine Menge freie und unbebaute Fläche zu sehen. Dort, wo ich auf dem Bild ganz rechts noch in aller Seelenruhe Rollschuhe fahre, sind mittlerweile die S Bahn-Gleise die zur Station Bornholmer Straße verlaufen. Mit dem Mauerfall hatte Berlin auf einmal so viel Raum, von dem die Stadt bis heute zehrt und ihn mit Eigentumswohnungen, Shoppingmalls und Denkmälern ausstattet. Man denke nur an den Potsdamer Platz - dort war 1990: Nichts. Todeszone. Mitte von Berlin. Deshalb sind diese Orte auch meist noch heute 'tot' nach 18 Uhr, weil alle Menschen zurück nach Hause fahren und die gläsernen Bürokomplexe leer zurücklassen. Denn dort wohnt ja so gut wie niemand. 

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Tempelhofer Feld

Als das Tempelhofer Feld noch Flughafen war: Ein Foto von 1993 aus dem Fenster eines Flugzeugs, das meine Mutter bei der Landung geschossen hat.

All meine Erinnerungen an Prenzlauer Berg reichen bis 1995, da war ich acht, in der dritten Klasse und wir zogen in eine andere wunderschöne Altbauwohnung in den 'Westen' nach Waidmannslust in Reinickendorf. Hier war es grün und ruhig, fast schon vorstädtisch. Viele Einfamilienhäuser, die Nähe zum Fließ und den Steinberg Park - Berlins Randidyll. Damals war mir der soziokulturelle Prozess des 'Zusammenwachsens' vom ehemaligen Ost- und Westberlin nicht wirklich bewusst. Erst als ich einmal aus Spaß in meiner neuen Klasse Berlinerisch sprach und von meiner neuen Klassenlehrerin scharf vor versammelter Klasse angefahren wurde "Sara, hier in Reinickendorf sprechen wir Hochdeutsch!" spürte ich das erste Mal die innerlichen Fronten mancher Menschen. Ich erinnere mich lebhaft daran und wie ich mich auf einmal ausgegrenzt fühlte, ohne ersichtlichen Grund. Das sollte jedoch meine einzige, negative Erfahrung damit sein.

Und heute? ich treffe selten 'echte Berliner' die genau wissen und verstehen, was man meint und manchmal vermisst. Doch ich mag gar nicht allzu nostalgisch sein; ich liebe das Berlin von heute und in meinen Augen ist Berlin immer gerade in irgendeinem Wandel. Sozial, wirtschaftlich, kulturell und baulich. Berlin wird und wird und hat dabei jedoch stets seinen ganz eigenen Charme, der - ich bin da ganz positiv - auch trotz neuer Townhouses und Eigentumswohnungen nicht verschwinden wird. Man freundet sich als Zugezogener irgendwann mit dem Zeitgeist hier an oder aber verlässt die Stadt dann eh wieder, weil einem die 'unfreundliche' Art der Berliner auf die Nerven geht, sich aber leider nie auf sie eingelassen hat und dabei gelernt hätte, dass das nur die harte Schale ist, worunter sich ein recht liebenswürdiger Kern versteckt. Man liebt es oder hasst es. Ja es läuft viel falsch und es nervt, doch wir genießen hier auch eine unheimliche Freiheit, die - wie mir Menschen aus aller Welt immer wieder bestätigen - einzigartig ist. Das erfüllt mich, kann ich so sagen, mit Stolz. Stolz deshalb, weil mir Freiheit selbst enorm wichtig ist und ich mich viel mit meiner familiären Geschichte befasse und auch mit der von Berlin im Allgemeinen: Freiheit ist nicht selbstverständlich. Das vergesse auch ich manchmal. Es berührt mich deshalb, wenn Menschen herkommen, weil sie auf der Suche nach Freiheit sind. Freiheit sich auszuleben. Freiheit, sich eine Auszeit zu nehmen, da sich das Leben nicht nur um Karriere drehen soll und Berlin dir das wirtschaftlich ermöglicht. Und auch Freiheit, dich ins Zeug zu legen. Denn wenn man wirklich will, kann man auch hier viel erreichen. Berlin ist ein wunderbares Experimentierfeld auf allen Ebenen.

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Das Ding ist: Berlin ist wie deine antiautoritäre Mutter - du musst am Ende selbst entscheiden, was du willst. Du kannst so viel Süßes essen - ergo- so viel ins Berghain gehen, bis du wortwörtlich kotzt. Viele verlassen Berlin wieder nach ein paar Jahren, da sie das Gefühl haben hier zu versacken (was ich vor allem von Zugezogenen höre). Die können manchmal mit so viel Freiheit (noch) nicht umgehen. Sie wollen immer weiter Süßes Zeug essen - ihnen ist schon ganz schlecht. Doch dafür ist nicht die Stadt verantwortlich. Sie sind es selbst, die ohne Druck von außen sich verlieren. Immer feiern zu gehen, wird ab dem Punkt, wo du dich selbst gefunden hast nämlich von ganz allein weniger interessant. Und da liegt die Lernkurve in Berlin! Tu was, auch ohne Druck, etwas tun zu müssen. Finde heraus was DU willst und mach es dann. Die Stadt hat alles was du brauchst. 

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